Von Alexander Glogg, Mitbegründer des WGF Weltgesundheitsforums
Wann haben Sie zuletzt gelesen, dass Gesundheit etwas mit Liebe zu tun hat? Nicht in einem Ratgeber, sondern in einem offiziellen Dokument der Weltgesundheitsorganisation?
Genau das steht in der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung. 1986 verabschiedet, beschreibt sie Gesundheit als etwas, das Menschen selbst schaffen und leben: dort, wo sie arbeiten, ihre Freizeit verbringen, einander begegnen und lieben. Ein bemerkenswerter Gedanke, den trotzdem die wenigsten kennen. Ich gebe offen zu: Bis vor Kurzem wusste ich selbst nicht, dass es dieses Dokument überhaupt gibt. Dabei ist es heute das Fundament des WGF Weltgesundheitsforums.
In einer Sendung des WGF habe ich mit drei WGF-Botschaftern darüber gesprochen, was aus der Charta geworden ist und wie ihre Ideen im Alltag ankommen könnten: mit Dr. med. Ellis E. Huber, Arzt und früherer Präsident der Berliner Ärztekammer, mit Prof. Dr. Dr. Harald Walach, Psychologe und Wissenschaftstheoretiker, und mit Prof. Dr. Dr. Christian Schubert, Psychoneuroimmunologe. Herausgekommen ist keine bequeme Bestandesaufnahme. Aber eine, die Mut macht: Denn vielerorts entstehen bereits kleine Initiativen, die genau das umsetzen, was die Charta vor 40 Jahren gefordert hat, und jeder Mensch kann dazu beitragen, dass sie wachsen.
Genau an dieser Lücke zwischen Idee und Umsetzung setzt das WGF an. Es versteht sich als Weiterführung der Ottawa-Charta und möchte Menschen, Wissen und Engagement verbinden, um Gesundheitskompetenz zu stärken und mehr gesunde Lebensjahre zu ermöglichen. Der Gedanke dahinter zieht sich durch das ganze Gespräch: Gesundheit entsteht nicht allein durch Behandlung. Sie wird ebenso geprägt durch persönliche Entscheidungen, Beziehungen, Lebensbedingungen und gesellschaftliche Strukturen.
Das ganze Gespräch können Sie sich hier ansehen:
Eine Produktion im Auftrag der WGF Weltgesundheitsforum GmbH
Technische und redaktionelle Produktion: Swiss Health Distribution GmbH
© 2026 WGF Weltgesundheitsforum GmbH
Ottawa-Charta 1986: Als Gesundheit politisch wurde
Dr. med. Ellis E. Huber kennt die Entstehungsgeschichte aus nächster Nähe. Die Beschlussvorlage, erzählt er, stammte von der Medizinsoziologin Ilona Kickbusch und dem Arzt Helmut Milz. Für Huber markiert das Dokument einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Nicht die Medizin allein sorgt für Gesundheit, sondern die Menschen selbst, mit ihrer Gesundheitskompetenz und in Lebensbedingungen, die das möglich machen.
Wie ernst das gemeint war, zeigt eine Anekdote aus der Konferenz. Um das Wort «lieben» habe es regelrecht einen Aufstand gegeben. Ilona Kickbusch habe angeboten, den Begriff zu streichen, sobald ihr jemand erklären könne, dass die damals auf ihrem Höhepunkt stehende HIV/Aids-Epidemie nichts mit Liebe zu tun habe. Es meldete sich niemand. Das Wort blieb.
Als Voraussetzungen für Gesundheit nennt die Charta unter anderem Frieden, soziale Gerechtigkeit sowie gesundheitsförderliche Wohn- und Lebensbedingungen. Gesundheit wird damit, so Huber, zum Massstab für gesellschaftliches Gelingen: kein Abfallprodukt der Wirtschaft, sondern ihre Voraussetzung. Woher dieser Geist kam, zeigt ein Satz, den Huber 1981 für die damalige Gesundheitsbewegung formulierte:
«Wir alternativen Ärzte sind keine besseren Ärzte. Wir sind nur anders. Wir sind die Ärzte, die sich weigern, stellvertretend für die betroffenen Menschen zu definieren, was ihre Gesundheit ist.»
– Dr. med. Ellis E. Huber
Damit es nicht bei schönen Worten bleibt, nennt die Charta fünf Handlungsfelder. Zwei davon tauchen im Gespräch immer wieder auf: persönliche Kompetenzen entwickeln, also das, was wir heute Gesundheitskompetenz nennen, und gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen, also Menschen, die vor Ort gemeinsam etwas bewegen.
Übrigens: Helmut Milz hat dem WGF zur Gründung persönlich viel Erfolg gewünscht. Der Faden von 1986 ist also nicht gerissen.
Ein Lippenbekenntnis? Die Lücke zwischen Papier und Praxis
So schön die Charta klingt: Umgesetzt wurde sie sehr unterschiedlich. Huber sieht Länder wie Australien und Kanada deutlich weiter als Deutschland, wo Gesundheit seiner Ansicht nach eher «geliefert» werde, statt dass Menschen selbst dafür sorgen dürfen. Auch die WHO habe sich, so seine Einschätzung, weit von ihrem damaligen sozialen Ansatz entfernt.
Neu ist diese Kluft nicht. Schon zum zehnjährigen Jubiläum untersuchte der Public-Health-Forscher Rolf Rosenbrock, wie es um die Umsetzung der Charta in Deutschland steht. Zum 40-jährigen Jubiläum zieht nun das DACH-Netzwerk Gesundheitsförderung eine kritische Zwischenbilanz.
Prof. Dr. Dr. Christian Schubert bringt die Frage auf den Punkt, die viele beschäftigt. Es gebe so viel wertvolles Wissen, etwa das biopsychosoziale Modell des Arztes George L. Engel, das Körper, Psyche und soziales Umfeld zusammendenkt. Und trotzdem habe er den Eindruck, dass es schlimmer werde statt besser. An welchen Hebeln also muss man ansetzen, damit sich das Schiff tatsächlich dreht?
Solange sich Krankheit lohnt: Die Frage nach der Wertschöpfung
Auf diese Frage fällt in der Runde ein Satz, der hängen bleibt: Solange Menschen Geld damit verdienen, dass andere krank sind, werde sich nichts ändern.
Wer an Krankheit verdient, hat aus dieser Sicht wenig Anreiz, Gesundheit zu fördern. Der Gedanke richtet sich nicht gegen einzelne Ärztinnen, Ärzte oder Therapeuten, sondern wirft eine grundsätzliche Frage auf: Welche Anreize setzt unser Gesundheitssystem, und wie stark werden Prävention und langfristige Gesundheit tatsächlich belohnt? In der Runde entstehen daraus Gedankenspiele, die zunächst ungewohnt klingen: Was wäre, wenn nicht Eingriffe, sondern die Zeit von Ärztinnen und Ärzten honoriert würde? Was, wenn Praxen belohnt würden, die mit weniger Medikamenten und weniger Diagnostik auskommen?
Und die Longevity-Bewegung, verdient die nicht längst Geld mit Gesundheit? Die Gäste sehen das anders. Verdient werde dort vor allem mit Produkten, die ein langes Leben versprechen. Nach dem Sinn des Lebens frage dabei kaum jemand.
Spielraum sehen die Gäste trotzdem. In der Runde wird auf die enormen Summen verwiesen, die die Menschen in Deutschland jedes Jahr für ihr Gesundheitswesen aufbringen. Dieses Geld sei ein Beitrag an die Gemeinschaft und gehöre in den Aufbau gesunder Menschen in einer gesunden Gesellschaft. Das Stichwort dazu: eine «Ökonomie der Gesundheit».
Was heisst das für Sie ganz persönlich? Vielleicht dies: Die Frage, wem eine Behandlung nützt, ist keine Misstrauensfrage. Sie gehört zur Gesundheitskompetenz.
Gesundheit beginnt früher und tiefer als gedacht
Wie früh die Weichen gestellt werden, erklärt Schubert aus Sicht der Psychoneuroimmunologie, die das Zusammenspiel von Psyche, Nervensystem und Immunsystem untersucht. Laut Schubert beeinflussen die sozialen Umstände bereits während der Schwangerschaft, wie sich Immun- und Stresssystem des Kindes entwickeln, mit möglichen Nachwirkungen bis ins Erwachsenenalter.
«Während der Schwangerschaft wird bereits geprägt, wie das Immunsystem funktioniert. Und das ist fundamental.»
– Prof. Dr. Dr. Christian Schubert
Es gehe dabei nicht um Schuld, sondern um Bewusstsein und um Lebensumstände, die Familien Zeit füreinander lassen. Mehr dazu beschreibt er in seinem Buch «Immunsystem neu gedacht».
Schubert lenkt den Blick auch auf eine sensible Frage: Welche Rolle spielen die Lebensumstände eines Menschen im Umgang mit einer Erkrankung? In einer leistungsorientierten Gesellschaft kann Krankheit zum Beispiel dazu führen, dass Menschen endlich die Aufmerksamkeit oder Unterstützung erhalten, die ihnen zuvor gefehlt hat. Das bedeutet nicht, dass sie ihre Krankheit bewusst oder unbewusst verursachen. Es geht darum, Menschen und ihre Lebensgeschichten besser zu verstehen. Oft wüssten Betroffene selbst sehr genau, was sie belastet hat, sagt Schubert. Man müsse sie nur fragen.
Einer der Ärzte in der Runde erzählt dazu eine Erfahrung aus der Klinik. Manche Patientinnen und Patienten seien trotz aller Massnahmen gestorben, andere hätten das Krankenhaus auf eigenen Füssen verlassen, nachdem man die Massnahmen eingestellt hatte. Oft seien es Menschen gewesen, die noch etwas zu erfüllen hatten. Er habe daraus gelernt, dass er als Arzt nicht selbst heile, sondern nur Impulse setze, damit sich die Selbstheilungsfähigkeiten entfalten können.
Struktur folgt Kultur: Warum das WGF auf kleine Gemeinschaften setzt
Wie lässt sich dieses Denken in Strukturen übersetzen? Huber antwortet mit einem Leitsatz aus der Organisationsentwicklung: «Struktur folgt Kultur.» Heute sei es oft umgekehrt, und das führe zu einem Reduktionismus, der dem Leben nicht gerecht werde.
Beim Ausweg sind sich die Gäste erstaunlich einig: Dezentralisierung. Huber plädiert für eine Kommunalisierung der Gesundheitsversorgung, also überschaubare Einheiten mit echter Verantwortung vor Ort. Sein Bild dafür stammt aus dem Körper selbst: Auch dort schreibe das Gehirn der Leberzelle nicht vor, wie sie zu arbeiten habe. Es orientiere und koordiniere, statt zu herrschen.
Solche Aufbrüche gebe es bereits: Arztpraxen, die sich sozial öffnen, Lebensgemeinschaften, in denen Jung und Alt zusammenwirken, Projekte, die Hospiz und Geburtshaus unter ein Dach bringen. Nun gelte es, diese vielen kleinen Bäche zu einem grossen Fluss zu vernetzen.
Genau hier setzt die Idee der WGF-Netzwerker an, ganz im Sinne der Gemeinschaftsaktionen, die die Ottawa-Charta fordert. Sie verbinden die Sendungen des WGF mit Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld. Fachwissen braucht es dafür nicht, und auch nicht viel Zeit, nur die Bereitschaft, interessante Inhalte bei Gelegenheit weiterzugeben. Manchmal genügt ein weitergeleitetes Video mit dem Satz: «Schau dir das einmal an, ich glaube, das könnte dich interessieren.»
Was der einzelne Mensch dafür braucht, fasst die Runde schlicht zusammen: weniger Haben, mehr Sein, Glück aus Beziehung statt aus Besitz und die Bereitschaft, unterschiedliche Informationsquellen zu nutzen. Was Gesundheitskompetenz im Alltag bedeutet, habe ich gemeinsam mit WGF-Botschafter Peter Emmrich auch im Gespräch mit dem Magazin Naturarzt erzählt.
Bemerkenswert offen sprechen die Gäste auch über die Gefahr, dass ein neues Forum vereinnahmt werden kann. Man sei auch nur Mensch und brauche deshalb gegenseitige Supervision, das zeigt sich auch im Leitbild des WGF. Hubers Schlusswort fasst den Kern zusammen:
«Sorgt euch um eure eigene Gesundheit und nehmt euch selbst ernst und macht euch auf den Weg. Wir sind mit dabei, aber wir wissen nicht besser als ihr, was das Richtige ist.»
– Dr. med. Ellis E. Huber
Fazit: Vom Wissen zur Umsetzung
Drei Gedanken bleiben nach diesem Gespräch. Die Idee, dass Gesundheit im Alltag entsteht und nicht erst im Behandlungszimmer, steht seit 1986 schwarz auf weiss in einem WHO-Dokument. Ob sie Wirklichkeit wird, hängt laut den Gästen weniger von grossen Reformen ab als von einer Kultur, die von unten wächst. Und Gesundheit lässt sich nicht verordnen, nur begleiten.
Ein kleiner Schritt für heute: Nehmen Sie sich zehn Minuten Zeit und lesen Sie den ersten Abschnitt der Ottawa-Charta im Wortlaut. Und stellen Sie sich danach drei Fragen:
1. Was bedeutet Gesundheit für mich persönlich?
2. Was trägt in meinem Umfeld dazu bei, dass Menschen gesund leben können?
3. Welche Erkenntnis könnte ich heute mit einem anderen Menschen teilen?
Gerade die dritte Frage ist der Anfang von allem, worum es in diesem Gespräch geht. Falls Sie das Gespräch noch nicht gesehen haben: Sie finden es oben in voller Länge. Alle Sendungen des WGF finden Sie zudem in der Mediathek wikiSana.
Möchten Sie dazu beitragen, dass Gesundheitswissen mehr Menschen erreicht?
Als WGF-Netzwerker tragen Sie Sendungen und Impulse für eine neue Gesundheitskultur in Ihr persönliches Umfeld. Fachwissen braucht es dafür nicht, und auch nicht viel Zeit. Aus vielen kleinen Bächen wird so ein grosser Fluss.
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Ich danke Prof. Dr. Dr. Christian Schubert, Dr. med. Ellis E. Huber und Prof. Dr. Dr. Harald Walach für diese wertvollen Einblicke – und Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, für Ihr Interesse an einer Gesundheitskultur, die beim Menschen selbst beginnt.
Herzlich, Ihr Alexander Glogg